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I racconti del Premio Energheia Europa

Aus dem Leben eines Rockstars, Franziska Schlögl_München

Erwähnen Sie den Energheia Germany Award 2020

Sonnenstrahlen streifen mein Gesicht. Vorsichtig öffne ich meine Augen und blinzle in das helle Licht. Langsam richte ich mich auf. Ich sitze in Boxershorts auf meinem Sofa, halb eingewickelt in eine Decke. Ich muss heute Nacht vor dem Fernseher eingeschlafen sein. Mein Schädel brummt und meine Kehle ist ganz ausgetrocknet. Ich greife nach meinem Handy, das auf dem Couchtisch zwischen Schnapsflaschen, Bierdosen und Zigarettenstummeln liegt. 12:03 Uhr; zwei Nachrichten von Jesper: Bist du gut nach Hause gekommen? Wir können ja demnächst mal ein Bierchen kippen. So ein Heuchler! Rausgeschmissen haben sie mich, die nutzlosen Muttersöhnchen. Nur, weil ich mich ein bisschen mit dem Türsteher angelegt habe. Ich erinnere mich an den Schlag in die Magengrube. Die linke Seite tut mir immer noch weh, genauso wie meine Fingerknöchel. Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich ihn richtig erwischt habe. Mein Magen knurrt. Mühsam stehe ich auf und schleppe mich in die Küche. Ich habe seit dem Gig gestern Abend nichts mehr gegessen.

Der Auftritt war richtig krass. Nie hätte ich gedacht, dass so viele Menschen kommen. Wir haben selten so gut gespielt. Und nur, weil ich mich nicht von jedem dahergelaufenen Nazi anpöbeln lasse, haben wir unseren Vertrag mit dem Clubbesitzer verloren. Aber anstatt mir den Rücken zu stärken, haben Max, Hendrik, Jesper und Thomas gestern Nacht noch ein „Notfall-Bandmeeting“ einberufen.

Hey, Benno … du … also wir …“, hat Jesper rumgedruckst, „Also, nimm das jetzt nicht persönlich … also wir dachten uns …“ „Du bist raus!“, grätschte Hendrik dazwischen. „Du bist ein selbstverliebtes, zynisches Arschloch und nur wegen dir haben wir unseren besten Gig verloren. Du bist raus aus der Band, das haben wir einstimmig beschlossen.“ Thomas meinte darauf noch: „Du bist echt ein klasse Musiker. Aber mit dir kann man einfach nicht zusammenarbeiten. Wir brauchen jemanden, auf den wir uns verlassen können.

Wütend öffne ich den Kühlschrank, hole ein Bier, Butter und ein altes Stück Käse heraus. Während ich dem Suff von gestern Nacht entgegenwirke und mir Brote schmiere, frage ich mich: Warum ist das Leben so unfair? Nie meint es das Schicksal gut mit mir. Jetzt schickt es mir auch noch streitsüchtige Türsteher und intrigante Bandkollegen. Aber die brauche ich nicht. Ich schaffe das auch alleine, ich gründe einfach meine eigene Band. Die Witzfiguren wissen nicht einmal was richtiger Rock ist. Die können doch nicht einmal einen Backbeat von einem Offbeat unterscheiden. Mein Handy leuchtet auf, eine Nachricht von meiner Schwester: Alles Liebe zu Deinem 39. Geburtstag, Benno.

Natürlich muss mich Clara daran erinnern. Die 39 hätte sie am liebsten fünfmal unterstrichen. „Glaubst du nicht, du solltest dich langsam um einen richtigen Job kümmern?“, hat sie bei ihrem letzten Besuch gefragt, während sie meine Klamotten vom Boden aufsammelte, zusammenlegte und in meinen Schrank räumte. „Du musst für das Alter vorsorgen. Du kannst doch nicht ewig deinen illusionären Jugendträumen nachhängen.“ Illusionär? Wohl eher visionär! „Du hast keine Ahnung, wie es ist zu wissen, warum man geboren wurde. Ich kann das nicht aufgeben. Die Musik ist alles für mich.“ Meine Schwester seufzte theatralisch und auch, wenn sie mit dem Rücken zu mir stand, wusste ich, dass sie ihre Augen dabei verdrehte. „Ich verstehe, dass dich die Musik an Mama und Papa erinnert. Aber sie hätten bestimmt nicht gewollt, dass du mit Ende dreißig noch wie ein Teenager in den Tag hineinschläfst, dich mit unterbezahlten Auftritten durchkämpfst und in dieser Bruchbude wohnst.“ Sie blickte skeptisch von dem bröckelnden Putz an den Wänden zu dem Wasserfleck an der Decke, der sich von einer Ecke aus in den Raum ausbreitet und an den Rändern verdächtig schwarze Flecken bildet. Unsere Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Meine Schwester war fünfzehn, ich war elf; danach sind wir bei unserer Tante aufgewachsen. „Du bist keine zwanzig mehr. Du solltest deine rebellische Phase hinter dich bringen und damit abschließen.“ „Papa hat für die Musik gelebt.“ Led Zeppelin, AC/DC, Motörhead – er hatte KonzertT-Shirts von allen großen Rockbands. Alles, was ich über Rock weiß, habe ich von ihm. „Er ist hunderte Kilometer gefahren, nur um seine Idole live zu hören.“ „Da war er siebzehn, Benno.“ Meine Eltern hatten eine Woche an der Ostsee verbracht. Auf dem Heimweg regnete es in Strömen und sie sind von der Fahrbahn abgekommen. Mama war sofort tot, Papa hat es bis ins Krankenhaus geschafft. „Mein kleiner Rockstar“ hat er mich immer genannt.

Mein Handy leuchtet erneut auf und reißt mich aus meinen Gedanken: Jesper ruft an. Ich drücke ihn weg und hole stattdessen einen Stapel Papier und einen dicken Filzstift. Anschließend setze ich mich mit einem neuen Bier aufs Sofa, schiebe die leeren Flaschen und Dosen auf dem Couchtisch zur Seite und mache mich an die Arbeit. Eine Stunde später ziehe ich aus dem Kleiderstapel auf meinem Bett eine Jeans und das T-Shirt von der Nirvana „In Utero“-Tour heraus. Ich greife nach meiner Lederjacke und mache mich auf den Weg.

Hey! Sie dürfen hier nichts aufhängen.“ Genervt drehe ich mich um und schaue in das wütende Gesicht eines Mannes mit grau-melierten Haaren und einer lächerlich kleinen Lesebrille. „Ich bin von der Stadt. Ich muss das hier aufhängen“, improvisiere ich und setze dabei eine möglichst seriöse Miene auf. „Egal ob Gitarrist, Keyboarder oder Schlagzeuger, die geilste Hardrock-Band Berlins sucht dich!“, liest der Mann vor und betont dabei jedes Wort einzeln. „Soso, von der Stadt also?“ „Ach kommen Sie, das stört hier doch niemanden.“ Ich versuche es diesmal mit einem charmanten Lächeln. „Mich stört es. Ich bin der Direktor der Musikschule, dessen Hauswand Sie gerade verunstalten. Und selbst, wenn Sie mich um Erlaubnis gefragt hätten, für diesen Krach ist hier kein Platz.“ „Krach? Was hören Sie denn für Musik? Beethoven?“, sage ich abwertend. Was weiß dieser Spießer schon von Musik? „Beethoven ist natürlich unbestritten ein Meister, aber es darf auch etwas Modernes sein. Anfang der Neunziger entstand wunderbare Musik in Amerika: Ragtime, Jazz, Blues.“ „New Orleans, die 20er in Chicago – Sie meinen ‚richtige Musik‘ und Musiker, die etwas von ihrem Handwerk verstehen, Gitarristen wie Elmore James und Muddy Waters?“ Ich schaue den Direktor provozierend an, aber er scheint es nicht zu merken. „Wenn Sie wollen auch Musik aus den 60ern, Bob Dylan oder die Beatles – diese Metaphern, diese Lyrik. Wo findet man das heute noch?“ „Anspruchsvolle Akkordwechsel, markante Stimmen, virtuose Technik, Texte, die etwas aussagen?“ „Genau, wer …“ Ungeduldig falle ich ihm ins Wort: „Wissen Sie, wo man das findet? Hardrock. Bei Led Zeppelin, Motörhead, Deep Purple. Musiker wie Elmore James, Muddy Waters, Bob Dylan, Wagner, Beethoven – sie alle haben Einfluss auf neue Stile. Hören Sie sich Link Wrays ‚Rumble‘ von 1958 an, dann verstehen Sie was Blues und Rock gemeinsam haben. Oder Neoclassical Metal. Tony MacAlpine zählt Romantiker wie Chopin und Liszt zu seinen Einflüssen; er ist einer der besten Gitarristen überhaupt. Von wegen Krach!“

Wütend verschränke ich meine Arme und schaue den Direktor nochmal herausfordernd an. Doch anstatt zu einem Gegenargument anzusetzen, verschwindet die tiefe Falte von seiner Stirn und er blickt mich fast entschuldigend an: „Und Sie spielen auch? Was spielen Sie? Gitarre?“ Ich nicke verwirrt. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit dieser Frage überfalle: Haben Sie heute und die nächsten vier Nachmittage Zeit, um einer Gruppe Kinder die Grundlagen der Musikgeschichte zwischen 1900 und heute zu erklären? Vielleicht auch ein paar praktische Sachen einüben, mit ihnen eine kleine Band zusammenstellen für einen Auftritt vor den Eltern Freitagabend nach dem Kurs? Der eigentliche Musiklehrer liegt mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus und ich habe keinen Ersatz. Diese Woche ist Themen-Woche, da sind jeden Nachmittag Sonderkurse und alle Kollegen sind eingespannt. Ich wollte den Kurs selbst übernehmen, aber ich bin in den letzten hundert Jahren Musikgeschichte nicht sonderlich bewandert.“ Er sieht mich fragend an und scheint mein Zögern zu bemerken. „Natürlich bezahlt Sie die Musikschule. Damit würden Sie mir einen riesigen Gefallen tun und vor allem den Kindern.“ Ich überlege – ein bisschen Geld wäre nicht schlecht und wer weiß, vielleicht ist das mein ‚School of Rock‘, vielleicht können die Kinder wirklich was? Zur Sicherheit frage ich: „Und die Plakate? Bleiben die hängen?“ „Die Plakate bleiben hängen“, sagt der Direktor bestimmt. „Okay.“ Er strahlt mich an und streckt mir seine Hand entgegen: „Ich bin Christian.“ „Benno.“ „Am besten kommen Sie gleich mit, die Kinder warten schon.“

Christian führt mich über den Innenhof zum Haupteingang, rechts in einen langen Flur und an dessen Ende in eine Abstellkammer. Der kleine Raum ist vollgestopft mit Keyboards, Gitarren, Trompeten, einer Harfe, Kabeln, Verstärkern, Notenheften, Loop-Stations. Er greift nach einer E-Gitarre, einem Kabel und einem tragbaren Verstärker und sieht mich fragend an. Ich nicke, nehme ihm die Gitarre aus der Hand und folge ihm durch eine zweite Tür in den Raum nebenan. Dort sitzen zehn Kinder zappelnd und brabbelnd in einem Stuhlkreis. Christian räuspert sich und versucht das Geplapper zu übertönen: „Hallo, Kinder, bitte etwas leiser. Das ist Herr … Benno. Er ist Musiker und wird euch heute …“ Er dreht sich hilfesuchend zu mir: „Am besten erzählt er es euch selbst.“ Zehn Augenpaare starren mich ehrfürchtig an. Das Gebrabbel verstummt schlagartig. „Sind Sie ein Rockstar?“, fragt eine leise Stimme von schräg links. Hell yes!, denke ich, stütze mich mit der linken Hand an die Wand neben mir und schlage ein Bein betont lässig über das andere. „Will jemand meine Gitarre halten?“