I racconti del Premio Energheia Europa

Zu viele

12.10.2024

Inspiriert durch das überwältigende Gefühl, so vieles zu versäumen und nie der gleiche Mensch zu
sein, wie gestern

„Es sind zu viele!“ Ihre verzweifelte Stimme floh durch die Gänge und ihre raue Zunge schmeckte
nach bitterer Enttäuschung. „Am Ende allein…“ sie ließ Sich zitternd gegen die raue, kalte Wand
hinter sich sinken.
„Zu viele Herren, denen ich versuche zu dienen, zu viele Diener, die mich ihre Herrin nennen.Wie
kann ich wissen, wo der Sinn ihres Handelns lieg t, wenn ich noch nicht einmal mein eigenes
Handeln meinem Willen beugen kann? Einem schwachen Willen, einem Willen, der seine Gestalt
wechselt, so schnell wie meine Launen. Einem Willen, der am Ende doch mich in der Hand hat und
niemals umgekehrt?“
Langsam, zitternd griff ihre Hand nach all dem, was sie sehen, niemals aber haben konnte. In der
Luft, wo all das nicht zu sehen war, dass sie so sehr einzuengen vermochte. All die Orte, die nach
ihr riefen, so laut, dass sie es immer hören konnte, aber niemals laut genug, um ihr den rechten Weg
zu weisen. Niemals laut genug, stets alle zu gleich. „Es sind zu viele!“, diesmal war ihre Stimme
kaum noch ein Flüstern. Trotzdem waren diese Worte von all den Worten die sie hörte die einzigen,
die sie verstand.
„Es sind zu viele, viele, viele…“ die Worte hallten durch die enge, dunkle Kammer, die ihrer Angst
und der Grenzenlosigkeit ihrer viel zu großen Träume so viel Raum bieten konnte, ihr aber immer
schon zu klein gewesen war. Sie vermischten sich mit den Rufen der Freiheit und denen des Glücks
und auch mit den Rufen derer, die manche ihrer Träume teilten und mit dem Rest nichts zu tun
haben wollten. Manchmal hatte sie zu antworten versucht, aber sie hatte jedes Mal vergessen, wie
sehr sie es eigentlich wollte.
Sie wusste, sie sollte aufstehen und zu Bett gehen, aber sie wusste auch, wenn sie es nicht tat würde
jemand kommen und sie finden und sehen, wie es ihr ging. Er würde nicht verstehen was los war,
worunter sie so zu leiden schien, aber er würde sehen, wo sie war, am Boden und er würde sie nicht
treten oder vor ihr ausspeien wie sie es am liebsten selbst getan hätte, nein, er würde bei ihr
niederknien und die Hand nach ihr ausstrecken, fragen ob er ihr helfen könne und sobald sie wieder
auf den Beinen stünde, würde er sie zurück an ihre Arbeit führen, in das einzige Leben, vor dem es
ihr so grauste und doch das einzige, was ihr blieb. Der Gedanke hatte etwas beruhigendes, weil er
so gewohnt war. Sie würde wohl liegen bleiben, fürs Erste. Denn wo es nur eine Möglichkeit gab,
konnten es niemals zu viele sein.