I racconti del Premio Energheia Europa

Ein glas wasser bitte, Julia Nausner

Erwhähnen Preis Energheia Österreich 2025

Es klingelt. Unsere Klingel läutet wie eine Durchsage am Bahnhof. Oder die
Schulglocke meiner alten Schule. Beides nicht die besten Assoziationen, die
aufkommen, wenn man gerade gemütlich zuhause mit einer Tasse Tee auf dem Sofa
sitzt. Doch ich habe mich daran gewöhnt. Genauso wie an meine Zimmertür, die sich
nicht richtig schließen lässt, an die braune Suppe, die bei Regen an unserer
Küchenwand hinunterläuft und an die Fenster, in denen sich nach und nach immer
mehr Schimmel bildet. Die Wohnung ist nicht im besten Zustand und doch zahlen wir
viel zu viel Miete dafür. Der angespannte Wohnungsmarkt und der Kapitalismus sind
schuld.
In meinen Kuh-Pantoffeln schlurfe ich zur Tür. Der Tür-Öffner summt. Schritte im
Treppenhaus. Verwirrt spähe ich aus meiner Wohnung, unwissend darüber, wer wohl
kommen mag. Ich vermute unseren Nachbarn, der mit seinem undichten Dach zu
kämpfen hat. Doch es ist eine junge Frau mit welligen Haaren. Ihr Blick ist schüchtern
und starr zugleich. Eine Vorahnung für das, was noch kommen wird.
Die Erinnerung an die Wohnungsbesichtigung kommt zurück. Im Januar steht eines
der Schlafzimmer leer und die Frau ist unsere potenzielle zukünftige Mitbewohnerin.
Sie tritt ein, grüßt freundlich, lässt sich von mir die Wohnung zeigen. Sie stellt Fragen
zum Zimmer, zum WG-Leben, zu meinen Freund:innen. Wir setzen uns ins
Wohnzimmer, ich biete ihr ein Glas Wasser an. Ausführlich erzähle ich von allem, was
sie interessieren könnte, von all den Schäden in der Wohnung und all dem Stress, den
wir mit den Vermietern haben. Ich möchte ihr nichts verschweigen. Sie hingegen bleibt
die meiste Zeit ruhig. Ihre Stimme ist leise und zurückhaltend, ihre Hände zittern. In
ihren Augen spiegelt sich das Licht der Glühbirne an der Decke. Es scheinen sich
Tränen darin gebildet zu haben.
Wir stehen auf. Ich bin müde und möchte den Abend allein verbringen. Sie möchte
noch etwas trinken, also fülle ich ihr Glas im Badezimmer auf. Sie umschlingt es
förmlich, steht wie angewurzelt im Flur. Sie erzählt mir von Schwierigkeiten beim
Aufstehen, Motivationslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit. Sanft frage ich nach,
ob sie bereits psychologisch angebunden sei. Sie erzählt von einer schlechten
Erfahrung, die sie mit einer Therapeutin gemacht hab. Das verstehe ich. Ich lege es ihr
trotzdem ans Herz, erzähle ihr von meiner Geschichte, von meinen Erfahrungen, von
meinen Lasten. Sie fragt, ob ich weiß, wie man schnell an ein Auto kommt. Ich habe
nichtmal einen Führerschein, also verneine ich. Sie fragt, wie ich mit Freund:innen
kommuniziere, um etwas mit ihnen zu machen, ob ich Druck aufbaue, oder schnell
nachlasse. Sie fragt, ob ich zufrieden mit meinem Leben sei. Mein Kopf raucht. Ich
erkläre ihr, dass ich nicht in der richtigen Verfassung bin, darüber zu reden und etwas
Ruhe brauche. Sie möchte noch etwas trinken.
Mit einem leeren Glas kehrt sie aus dem Badezimmer zurück. Meine Beine wippen
ungeduldig hin und her, meine Zähne beißen meine Lippen blutig. Erneut sage ich ihr,
dass ich keine Kapazitäten mehr habe, mit ihr zu reden. Sie sagt, dass wir auch einfach
schweigen können. Ich sage, dass ich sie noch gar nicht kenne. Sie sagt, dass wir das
schnell ändern können, dass wir uns kennenlernen und Freundinnen werden können.
Ich werde immer unruhiger und verstehe nicht, was hier gerade passiert. Sie erzählt,
dass sie kein Elternhaus mehr hat, dass sie niemanden hat, der ihr hilft, dass sie sich
verloren fühlt, dass sie Liebe braucht. Ich kann ihre Worte verstehen und doch passen
sie nicht zum hier und jetzt. Ich sage ihr, dass ich nicht die Person bin, die ihr diese
Liebe jetzt geben kann. Sie sagt, dass sie endlich irgendwo ankommen muss, nicht
immer wieder neu beginnen will. Sie sagt, dass es doch das Grundrecht eines jeden
Menschen ist geliebt zu werden. Ich sage, dass sie nicht von allen Menschen
verlangen kann sie zu lieben, dass man erstmal mit sich selbst im Reinen sein muss,
um wahre Liebe zu erfahren. Dass Freund:innen eine große Hilfe und unglaublich
wichtig bei so einer Reise sind, negiere ich nicht. Sie sagt, dass sie Liebe von anderen
braucht, um sich selbst zu akzeptieren. Unser Gespräch dreht sich im Kreis.
Mein Kopf dröhnt. Ich sage ihr, dass ich jetzt allein sein möchte, dass ich sie bitte zu
gehen. Sie fragt nacht einem weiteren Glas Wasser. Ihr Glas ist leer, als sie wieder in
den Flur zurückkehrt. Wie angewurzelt steht sie da und fragt, ob ich noch den Abend
mit ihr verbringen möchte. Sie möchte nicht allein sein, das merke ich. Ich sage, dass
ich das heute nicht für sie tun kann, doch ich biete ihr an, sie in die Ambulanz der
psychiatrischen Klinik zu begleiten. Ich mache mir Sorgen um sie. Ich kenne solche
Zustände. Doch sie will da nicht hin. Es ist nichtmal eine Option für sie. Sie sagt, dass
sie statt eines stationären Aufenthalts lieber Sport mache. Ich merke an, dass das
auch in einer Klinik möglich ist, doch sie bleibt stur. Ich sage, dass ich nichts mehr für
sie tun kann. Sie sagt, dass wir noch weiterreden können. Ich bitte sie erneut zu gehen.
Sie möchte noch was trinken.
Verzweifelt stehe ich im Flur, ungläubig darüber, was hier gerade passiert,
unentschlossen darüber, wie ich weiter handeln soll. Mindestens fünf Mal habe ich
sie schon aufgefordert zu gehen, mindestens doppelt so oft habe ich ihr Empfohlen,
sich professionelle Hilfe zu holen. Als sie wiederkommt, ist ihr Glas leer. Ich bitte sie
erneut zu gehen. Sie bleibt an Ort und Stelle stehen. Sie fragt, ob es das ist, was ich
will. Ich bejahe deutlich und bitte sie erneut. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Sie
möchte noch etwas trinken. Ich reiße ihr das Glas aus der Hand, stelle ihr die Schuhe
vor die Füße und zeige ihr die Tür. Sie bleibt stehen. Ich drohe ihr mit der Polizei. Sie
bleibt stehen. Ich zücke mein Handy, wähle die drei kleinen Ziffern. Meine Finger
zittern beim Eingeben. Schließlich lässt sie nach, meint, dass ich doch nicht die
Polizei rufen brauche. Langsam zieht sie ihre Schuhe an und fragt, ob das wirklich das
ist, was ich will, ob ich sie wirklich allein rausschicken will. Ich sage, dass ich nichts
anderes für sie tun kann, außer sie zur Ambulanz zu begleiten. Sie sagt, dass wir doch
etwas Kreatives machen können. Ich knipse das Licht im Flur für sie an, dränge sie
nach draußen. Sie sagt, dass sie es schön fand. Ich sage, dass ich mich sehr unwohl
fühle. In meinen Augen haben sich Tränen gebildet. Sie tritt aus, ich werfe die Tür zu
und falle in mich zusammen. Salziges Wasser läuft meine Wangen hinunter, meine
Brust bebt. Ich rufe meine Mitbewohnerin an, dann meine Mutter.
Am nächsten Tag bekomme ich die Nachricht, dass sie das Zimmer gerne nimmt.