I racconti del Premio Energheia Europa

Der entflohene Galgenvogel, Katharina Pribula 

Gewinner Preis Energheia Öesterreich 2025

Der Mann ging gebückt, die Hände auf einen Gehstock gestützt. Neben der Eingangstür
stand eine Steintafel mit seinem Namen, fein eingeritzt, er überdauerte alles, hier so wie dort.
Seine Hand hob sich und er läutete an.
Es war ein grauer Morgen, als er mich besuchte.
Als erstes fragte er mich nach dem Namen meines Vaters. „Den kenne ich nicht.“, hatte ich
geantwortet. Mein Vater, ein namensloser Gauner, hatte meine hochschwangere Mutter und
mich vor langer Zeit verlassen. Ein Schatten in meinem Leben, kaum erinnere ich mich an
sein Gesicht, nie hatte ich seine Hand berührt, seine Liebe gespürt.
Als zweites fragte man mich warum in der Normandie ein Grabstein stünde, der meinen
Namen trägt. Mit einem Todesdatum von vor 40 Jahren. Entsetzt schüttelte ich den Kopf, ich
war quicklebendig. „Das muss ein Irrtum sein.“, sagte ich und schloss die Tür.
Einige Wochen später kam der Mann wieder.
Erneut fragte er mich nach dem Namen meines Vaters, es sei wichtig, beharrte er.
„Ich kann mich nicht erinnern.“, sagte ich stur und wollte wieder die Tür schließen, doch ein
Holzstock schob sich dazwischen.
„Wir haben Knochen gefunden, Kinderknochen.“, sagte der Mann und fixierte mich. „Wir
haben die DNA mit Ihrer verglichen. Sie stimmen perfekt überein.“
Der Morgen hier in der Normandie ist grau und düster. So wie immer, noch nie war es schön
hier gewesen. „Das sind die Franzosen.“, sagt ein Kamerad. „Seit wir sie 40 vertrieben haben,
haben sie nichts als Scheiße hinterlassen.“ Gemeinschaftliches Lachen folgt, dann eine
schneidende Stille, ängstliche Blicke werden getauscht. „Und jetzt scheinen sie sich genau
diese zurückholen zu wollen.“ Vor uns auf der ruhigen See tauchen sie auf. Kriegsschiffe,
eines nach dem anderen, verdoppelt in Breite und voller Formation kommen sie aus dem
Nebel. Flaggen wehen an ihnen, winken uns entgegen, beinahe freundlich. Wir beziehen
Stellung, zum letzten Mal, alle vereint.
„Die Kirche eines kleinen Dorfes nahe Cherbourg will diese seit Jahren renovieren. Im Wege
standen dabei fehlendes Geld und mehrere alte Gräber, viele davon namenlos. Die
Bewohner dort sind der Meinung, der Platz sollte für ihre eigenen Bürger sein, statt für
längst gefallene Deutsche. Deshalb wurden wir beauftragt, die Gräber zu öffnen, ihre
Identität festzustellen und sie auf Kosten ihrer Verwandtschaft umzubetten. Doch Ihr Fall ist
besonders.“
So erklärte mir der Mann, der sich als Doktor Klieb herausstellte, warum er mich aufgesucht
hatte. Außerdem, warum ich unbedingt dorthin fahren sollte, um mich selbst davon zu
überzeugen. Mir machte das nichts aus, mein Urlaub war überfällig und ich kombinierte die
Reise mit einer Woche Cherbourg.
Es waren Stunden vergangen, Tage. Doch was machen schon Tage, wenn man sich Jahre in
diesem Kreislauf befindet. Man schießt, man spielt den Tod, man lädt nach. Glückliche
begegnen ihm selbst, dem Unverwüstlichen.
Erich liegt seit Stunden mit dem Gesicht nach unten in einer Blutlache. Die Ratten nagen
schon an ihm. Früher hätte ich sie fortgejagt, doch heute sehe ich ihnen während meiner
Nachladepausen zu, nachdenklich. Ein Schuss, er schießt an meinem linken Ohr vorbei.
Erstaunlich es zu hören, seit Wochen schon ist es taub. Von meiner rechten Seite höre ich ein
Zischen, dann fängt Rudolf neben mir an zu röcheln. Er hält sich den Bauch, mir seine
glänzenden Augen entgegen und fällt schließlich zu Boden.
Es ist kalt und modrig hier, die Luft stinkt. Hätte ich gewusst, dass französische Kirchen
solch triste Kellergewölbe haben, wäre ich mit den beiden Kindern nicht hierhergekommen.
Das dritte tritt in mir. Ich hoffe es wird ein Mädchen, so sanft wie Egon es ist. Wie es ihm da
draußen ergeht, frage ich mich.
Ich schaue herum, der Raum ist voller Frauen und Kinder, manche weinen, meine schlafen.
Ich blicke in ihre schönen Gesichter, die sich gleichen wie Sonne und Mond, die Hände
ineinander verschränkt, zwei kleine Brüder.
„Ich habe aber keinen Bruder!“, beharrte ich weiter. Die nassen Haare fielen mir in die Stirn.
„Überhaupt habe ich keine Geschwister.“
Wir waren am Aufstieg zur Kirche, Herr Klieb und ich, zu seinem Ausgrabungstrupp. Das
Ziel lag in einer Ansammlung von Felsen hoch über dem Dorf, Klippen ragten neben mir
hunderte Meter nach unten, der Anblick kam mir bekannt vor, doch hat nicht jeder
Wanderweg so seine Ähnlichkeiten?
„Waren Sie schon einmal hier?“, fragte mich Herr Klieb, der vor mir ging.
„Nein.“, sagte ich schwitzend und wunderte mich über seine Frage. „Sollte ich es?“
Statt einer Antwort kam ein ausführlicher Bericht über die Gegend. „Unter der Kirche
befindet sich ein altes Gewölbe, dort haben sich damals die Frauen und Kinder versteckt.“
Kurze Pause. „Die alliierten Truppen hier in der Gegend waren bekannt dafür, erstgeborene
Kinder und gefangengenommene Soldaten am Galgen aufzuhängen.“
„Galgenvögel.“, sagte ich und Herr Klieb nickte. Das Wort hatte ich vor Jahren einmal
aufgeschnappt. „Als die Soldaten in ihren Stellungen überfallen waren.“, erklärte Klieb
weiter. „Retteten sie sich über diesen geheimen Weg zur Kirche.“ Er hob die Hand und
zeigte auf einen kleinen Pfad weiter unter uns. „Sie glaubten, dort könnte man sie nicht
erhängen, sie glaubten an das heiligste aller Gebote.“ Klieb warf einen Blick über die
Schulter. „Kirchenmord ist Sündenmord.“
Alles ist rot. Der Himmel über mir, meine Kleidung, der Boden unter mir. Ich greife mir ans
Ohr, warmes Blut fließt herab, mischt sich mit dem alten. Vor mir ist es lauter geworden,
Donner, Getöse, wir wurden gefunden. Neben mir ist es ruhig, die Linie ist dunkel und still
geworden. Automatisch greife ich zum Nachladen, ergreife nichts, lasse alles fallen. Neben
mir nur mehr vereinzelte Schüsse und das Stöhnen von Sterbenden.
Ich denke an meine Liebsten, weit über mir im Kellergewölbe. Ob sie wohl genauso Angst
haben wie ich? Plötzlich zischt etwas auf mich zu, dringt in meine Schulter ein. Taumelnd
pralle ich gegen die Wand hinter mir, versuche die Blutung zu stillen.
Mit einem letzten Blick auf meine toten Kameraden, setze ich mich in Bewegung. Am Boden
kriechend erklimme ich den geheimen Pfad nach oben.
Oben angelangt erkenne ich von der erzählten Kirche kaum etwas. Der Dachstuhl ist zur
Hälfte freigelegt, an einer Mauerseite ist sie kohlschwarz, als hätte dort einmal ein Feuer
gewütet und der modrige Gestank der aus den breiten Holztüren auf uns zukommt, ist auch
untypisch heilig. Eine Erinnerung sagt mir, dass die Kirche früher ein Eisentor hatte.
„Kommen Sie!“, ruft Herr Klieb, als er sich durch ein halboffenes Zauntor quetscht. Dahinter
liegt ein Friedhof in dem mehrere Personen in weißen Schutzanzügen mit Schaufeln,
Klemmbrettern und provisorischen Särgen hantieren. Weit hinten in einer abgelegenen Ecke
bleiben wir vor einer offenen Grube stehen.
„Hier haben wir eine kleine Kiste gefunden mit Ihren – Pardon – mit den Kinderknochen
ihres Bruders. Das glauben wir zumindest.“ Eine Frau mittleren Alters zeigt mir ein kleines
Holzschild, das gefunden wurde. Die darauf eingekerbte Schrift war nur mehr schwer
leserlich: Egon Neumann, gefallen 6 Juli 1944, las ich darauf.
„Gefallen?“ Ich runzle die Stirn und sehe Herrn Klieb an. „Wie kann ein Kind fallen?“
„Genau dieselbe Frage habe ich mir auch gestellt.“ Eindringlich sieht er mich an. „Meine ist
jedoch, ob Sie sie uns beantworten können.“
Bevor ich nachfragen kann, bombardiert er mich erneut. „Welchen Namen trug Ihr Vater?
Denken Sie nach.“
Die letzten Meter sind die Hölle, bei jeder Bewegung bohrt sich das Projektil tiefer in meine
Schulter hinein. Mit letzter Kraft ziehe ich mich aus dem Gestrüpp und liege für mehrere
Minuten im Dreck. Keuchend raffe ich mich auf und humple auf die Kirche zu, die in aller
Friedlichkeit vor mir steht. Weiter unter mit höre ich Getöse, mein Blick wandert nach
Rechts. Dort liegt der Hauptweg hierher, er ist breit genug für ein Fahrzeug. Mir jagt eine
Angstwelle durch den Körper. Sie kommen.
In der Kirche angelangt schleifen mich meine Beine nach vorne zu einem brauen Kasten.
Atemlos plumpse ich hinein und angle mit meinem Stiefel nach der Tür, um sie zu schließen.
Dann ist es still, Dunkelheit umhüllt mich. Ich erstarre, als mir einfällt, dass ich keinen
Ausweis bei mir trage, ich hatte alles unten gelassen. Ich will nicht namenlos sterben, flüstere
ich, dann wandert mein Blick nach unten. Benommen greifen meine Finger nach dem
kleinen Messer in meinem Gürtel. Ehrfürchtig setze ich es an den Stein unter mir.
Als wir in der Kirche ankommen, geht Herr Klieb schnurstracks nach vorne Richtung Altar.
Ich schaue mich um, scheine die Mosaike zu erkennen, genau solche hatte ich schon einmal
gesehen. Ich stand dort vorne und sah zu ihnen nach oben, wich dem Grauen aus. Die Hitze.
Zerrüttet schüttle ich den Kopf und folge Klieb, der stehengeblieben war. Dann sehe ich
wovor.
„Ein Beichtstuhl?“, frage ich.
„Haben Sie ihn schon einmal gesehen?“ Kliebs kleine Augen durchbohren mich förmlich. Ich
schüttle den Kopf.
„Treten Sie näher. Sehen Sie ihn sich an.“, fordert er mich auf.
„Im Dorf erzählt man sich, einer der Soldaten konnte sich hierher retten und sich im
Beichtstuhl verstecken.“ Ich lasse meine Handfläche über das raue Holz fahren. „Er hat auf
das heiligste vertraut.“
Mein Finger bleibt stecken. Da ist ein Einschussloch. Ich blinzle, lasse meinen Finger
weiterfahren, noch eines, drei, vier, fünf. Ich atme scharf aus. „Kirchenmord ist
Sündenmord.“, wiederhole ich perplex als ich etwas sehe. Die Szene von vor 40 Jahren. Ich
sehe, wie die Tür aufgerissen wurde und ein völlig durchlöcherter Mann herausgefallen war,
wie sein Blut den heiligen Boden tränkte. Ein Schreien fährt durch meinen Körper, jemand
hinter mir, eine Kinderhand drückt meine. Ein Grauen überfällt mich, Schweiß rinnt mir
über die Stirn.
„Aber was hat das mit mir zu tun?“
Herr Klieb fordert mich auf, den Beichtstuhl zu betreten.
Hier drinnen ist es modrig. Wieder fahren meine Finger wie hypnotisiert über die
Einschusslöcher. Ich verstehe das alles nicht.
„Sehen Sie nach unten.“
Mein Blick streift hinab, gierig suchen meine Augen den Boden ab. Da sehe ich es, mehrere
dünne Fahrer in den Stein gekratzt. Ich knie mich hin, lese das Grauen.
Egon Neumann
Wie von selbst schabt sich die scharfe Klinge in den Steinboden, bis sich meine Initialen
darin wiederspiegeln. Hier würde ich überdauern, Stein überdauert alles.
Plötzlich erhellen Schritte die Kirche, schwere Stiefel kommen auf mich zu, ich zähle sie. Es
sind zu viele. Gehorsam falte ich die Hände, wispere ein Stoßgebet. Hier wird mir nichts
geschehen. Dann trifft mich die erste Kugel.
Ruckartig pralle mit dem Rücken an die Wand des Beichtstuhles, meine Finger suchen
hilfegreifend die Einschusslöcher. Keine Einbildung, alles echt. Alles selbst gesehen. Mit vor
Angst geweiteten Augen starre ich Klieb an. „Das kann nicht sein.“, stoße ich hervor, starre
ihn an. „Im Dorf erzählt man sich von einer schrecklichen Tat, hier vor fast exakt 40 Jahren,
1944. Ein Soldat durch den Beichtstuhl brutalst erschossen. Seine Frau saß mit den zwei
Kindern im Kirchengewölbe.“ Er packt mich, als ich drohe umzukippen. „Das waren Sie,
Egon. Sie und Ihr Bruder.“ Ein Zucken geht durch meinen Körper wie ein Stromschlag, mein
Herz rast. „Theodor.“, flüstere ich. „Mein Zwilling, ich erinnere mich.“ Alles kommt zurück,
Kindheitslücken füllen sich auf. Mein nebliger Blick lichtet sich. Erinnerungen, die ich nicht
zuordnen konnte, formieren sich neu.
„Ein Sohn und ein Vater.“, sagt Herr Klieb, seine Augen glänzen. „Sie haben euch beide
hierhergeholt.“ Er deutet an dieselbe Stelle vorm Altar, von der aus meine Erinnerungen
kommen. „Sie wussten nicht, welcher der Erstgeborene war, also haben sie sich wahllos
einen ausgesucht.“ Eindringlich sieht er mich an. „Nur haben Sie den falschen Namen für
sein Grab genommen, draußen lag Ihr Bruder begraben.“
Damit lässt er mich los, wieder stützt mich die Wand des Beichtstuhls, meine Finger graben
sich in die Löcher.
Dann sortieren sich meine Gedanken neu. Der Stein unter mir scheint zu pulsieren, als
würde er etwas seit Jahren hüten, als hätte er mit seiner Offenbarung gewartet, auf den
richtigen Zeitpunkt. Langsam schaue ich auf, kann mich dem Stein kaum entreißen.
„Wenn mein Bruder draußen ist.“, ich stocke, als es mir klar wird. „Wo ist dann mein
Vater?“
Als Antwort deutet Klieb auf die Stelle unter mir. Auf seinen Grabstein.