Als du gingst, nahmst du die Sonne mit, Nina Kipke
Gewinner Preis Energheia Deutschland Award 2025
Es regnete die ganze Nacht und es regnet schon den ganzen Tag.
Die Welt draußen ist nass, doch ich bin trocken. Heute seit exakt 91 Tagen.
„Die ersten 90 Tage sind die Schlimmsten“.
Fürsorglich wie du bist, warst du bei meinem ersten Beratungsgespräch dabei.
„Die Rückfallquote von Alkoholkranken liegt bei 70 bis 90 %“.
Nach dem Termin warst du am Boden zerstört und ich am Boden der dritten Weinflasche.
„Angehörige und Partner leiden unter der Sucht teilweise stärker als der Alkoholkranke.“
Alkoholismus sitzt im gesellschaftlichen Abseits. Ich sitze auf einem Thron aus Angst.
„Wichtig ist, Alkoholkranken nicht alles Leid abzunehmen.“
Du zogst zu alten Bekannten und alte Bekannte zogen zu mir. Seitdem schläfst du bei Philipp und Anja auf dem ausziehbaren Schlafsofa im Gästezimmer.
Hier ist es ein bisschen anders, Insomnia und Anxiety sind anhänglich, sie teilen sich mit mir sogar das Bett. Es ist eng bei dir im Gästezimmer und es wird eng in meiner Brust.
„Es muss sich niemand moralisch verpflichtet fühlen, das eigene Leben und die eigene psychische Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um Süchtige weiter über Wasser zu halten.“
Du fandest die Beraterin sympathisch, ich fand sie unerträglich und sah sie auch noch doppelt. Wir stritten und du hast gepackt. Ich weinte, fiel auf die Knie.
„Es ist nicht für immer, aber es ist für lange.“ Mehrmals sagtest du, dass es nur so geht.
Als du gingst, nahmst du die Sonne mit. Als ich nach vielen Tagen wieder rausging, nahm ich das Altglas mit.
Die ersten Tage passierte nichts und dann passierte alles.
Du hieltst an einem geregelten Alltag fest, Frühstück mit Philipp und Anja, nach der Arbeit zum Sport.
Mich hielt die Sucht fest, Sekt zum Frühstück, nach der Arbeit der Fusel.
Draußen regnete es ohne Pause.
Dann war irgendwann der Vorrat leer, und mein Herz.
Ich konnte nicht mehr lügen und ich konnte nicht mehr trinken, ich fing an zu schreiben.
Winzige Stückchen Wahrheit gekritzelt auf kleine Zettel. Statt zum Glas griff ich zum Stift.
Es sind jetzt 91 Tage.
Draußen regnet es, doch ich bleibe trocken.
„Die ersten 90 Tage sind die Schlimmsten.“
Danach wolltest du doch wieder da sein. Philipp und Anja; sie lieben doch ihr Gästezimmer. Hier ist auch wieder Platz, der Alkohol ist doch ausgezogen, ich habe doch geputzt und gelüftet, das Bett ist frisch bezogen.
Mein Herz schlägt schneller.
Als du gingst, nahmst du die Sonne mit. Mir wird kalt, doch meine Hände schwitzen.
Vodka wärmt, war nicht noch eine kleine Flasche hinter dem Spühlkasten?
Sie ist eingestaubt, mit zittrigen Fingern wische ich den Flaschenhals sauber. Langsam drehe ich den Deckel, ein vertrautes Gefühl.
„Alkoholkranke müssen selbst erkennen, wie problematisch die Sucht ist.“
Ich sehe die Beraterin vor mir. Nicht doppelt, dafür scharf. War sie nicht vielleicht doch ein bisschen sympathisch? Ich greife zum Stift und kritzele ein winziges Stückchen Wahrheit darauf.
Ich schließe die Flasche, du schließt die Wohnungstür auf.
91 Tage.
Die Welt draußen ist nass, doch meine Welt bleibt trocken. Und plötzlich stoppt der Regen.




