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I racconti del Premio Energheia Europa

Der Tod des Literaten, Tillman Kierdorf_Colonia

Gewinner des Energheia Deutschland 2021 Award

 

Ich lebe heute. Ich lebe, also bin ich. Video ergo sum; oder doch vivo ergo sum? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann nicht mehr denken. Ich wurde gefangen genommen und sitze in einer kargen Zelle. Wie beschreibe ich diesen Ort, damit man eine Vorstellung erhält.

Vorstellung im Sinne meines inneren Zustandes zu diesem Loch, nicht durch die
beklemmende Beschreibung einer bloßen Szenerie. Ich starre die Wand an. Ich bin in
deutscher Sprache verfasst. Ich muss über Wände berichten. Wo ist sonst die Tiefe? Hier steht also ein Bett, ein Loch, das sich Klo schimpft, ein Fenster und Wände. Hier ist so viel Wand und so wenig Fenster. Ich glaube, dass die Menge an Wand daran schuld trägt, dass mir die Winzigkeit des Fensters auffällt. Hier sind in den Wänden Sätze eingeritzt. Ich liebte niemals mehr so sehr das Leben und Ich kann vieles und will nichts und Wenn das System vernünftig ist, werden die Menschen sich schon anpassen. Ich frage mich, ob diese Wörter wirklich für jeden etwas sind. Ich muss mich erinnern, warum ich hierher gekommen bin. Ich sehe einen Wald vor mir. Ich sehe Menschen. Kinder. Freunde von mir.

Wir sitzen um ein Lagerfeuer und singen Lieder. Irgendjemand hat eine Gitarre
mitgenommen. Mutig, wenn man bedenkt, wie teuer diese Dinger sind. Wieso kann dieser Junge eigentlich spielen? Tut er dies für sich oder doch, um andere zu beeindrucken. In beiden Fällen muss ich wohl davon ausgehen, dass Musiker generelle Egomanen sein müssen. Geld macht die Sache auch nicht besser. Ich schaue in seine Augen, die Bartholomäus gehören. Wo soll ich auch sonst hinschauen. Er ist angezogen, also bleibt mir nicht viel Haut übrig, die ich mir anschauen könnte. Täusche ich mich oder schaut er mich auch an. Wir sind nicht alleine. Trotzdem schaut er mich an und plötzlich dieses Lächeln. Nur ´ne Sekunde, ein Schmunzeln, als hätte jemand einen schlechten Witz gemacht. Ein Zucken seines Mundwinkels, während er mir in die Augen schaut. Muss ich kotzen oder lachen? Egal. Ich habe mich entschieden. Das ist der einzige Mensch, den ich in meinem Leben ertragen kann. Er versucht zu spielen und ich verdrehe die Augen, weil mir der Musiker Egomane in den Sinn kommt, aber er fängt mich mit einer Anrede auf. Er fragt mich aus. Er kommt mir näher. Durch das Feuer getrennt, sitzt er mir gegenüber.
Erkenne ich mich in seinen Augen wieder oder spiegelt er mich nur? Ich muss von dem ganzen Bier pinkeln und verschwinde im Wald. Hinter mir lachen die anderen und dann wird es still. Ich komme zurück und bin alleine mit ihm. Er setzt sich neben mich und lacht und spricht über Politik. Ich schaue ihn an und lache und lehne mich zurück. Er spricht über Weiß, über Liebe und Land, über Rot und ewige Angst und dichtet für mich, sich, von anderen. Ein ganzes Leben // zwei bäume / da unten am ufer gestanden / der eine im wasser / der andre am lande // einsam in kälte der eine da stand / der andere im wasser gar quicket am strand / nun fließet der rhein noch jahre hinfort / der baum / da im wasser / lebt ewiglich noch. Ich beobachte ihn und er ist so weit weg. Ich schaue ihn an und antworte auf all die großen Gedanken nur. Ok. Wieder eins von 672 Märchen, die erzählt werden — Stille. Das konnte ich nicht ertragen. Ich fing an zu sprechen. Kennst du das Gefühl, dass sich dein Leben, deine Gedanken und deine Seele wie eine Tafel anfühlen.

Du stehst davor, schreibst Gedanken auf, schreibst Gefühle auf, wichst einiges weg,
benutzt mal Wasser, mal Alkohol, um alles sauber zu bekommen. Und dann gibt es diesen Moment, wo man merkt, dass man die Tafel einfach umdrehen kann und dort eine superneue Tafel zum Vorschein kommt. Genau dieses Gefühl schenkst du mir gerade. Er schenkt mir das Gefühl ohne Worte. Er nimmt mich in den Arm. Viele haben mich schon umarmt, aber nur seine Umarmung dreht meine Tafel auf links. Jetzt. Genau in diesem Moment. Ich bin pathetisch und jedes einzelne Wort ist wahr. Wir lachen und haben irgendwie Stockbrot dabei. Ich freue mich und unsere Gesprächsthemen werden irgendwie normal. Es macht für mich den Anschein, als hätten sich unsere Egos aneinander angepasst. Wie eine Stimmgabel oder so ein Resonanzkörper. Alles stimmt.

Ich musste pinkeln und er auch. Ich habe noch nie mit jemanden um die Wette gepinkelt, wer wohl mehr Blätter trifft als der andere. Er lacht, ich geniere mich. Lache leise, in mich hinein. Wir legen uns auf den Rücken und sehen Hunderte von Sternen. Das ist nicht romantisch. Das Gras pikst. Es ist verdammt kalt. Ich fange an zu zittern. Er kommt zu mir. Legt sich zu mir. Irgendwie finde ich mich in seinen Armen wieder. Irgendwie ist der Ort viel weniger Scheiße. Die Zeit beginnt dann schneller im Leben zu vergehen, wenn eine Stunde ihren Schrecken verliert. Es keinen Unterschied mehr macht, ob man ein oder zwei Stunden wartet. Ob draußen oder in der Zelle. Wir hörten von einem Gefangenen, den sie in seiner Gefängniszelle abgebrannt haben. Schüsse und Hass wurden uns entgegengebracht. Ich habe Angst gehabt und jede Entscheidung verleugnet, bis die Konsequenz jeder Tat zur Gewissheit wurde. Wollte Spaß, wollte Liebe, wollte ich selber sein. Wir wollten keine Märtyrer sein. Märtyrer, das sind die anderen. Ich stehe vor dem Spiegel der Zelle. Oh C.! Ich bin nicht deine mechanische Puppe, deren flammende Augen den zersplitterten Spiegel zerbrachen, sondern ich verurteile mich zur Freiheit meines eigenen Schicksals. Ich spiele also klatschend Abzählreime mit der Wand. Ich klatsche in die Hände und eine Erinnerung steigt in mir auf. 17 Jahre ist es her, dass ich zum Sterben in diese Welt geworfen wurde. Sitze schmunzelnd in der Hocke und fange lächelnd an zu singen: „Happy Birthday to me“.

Plötzlich springe ich auf und rufe auswendig Gelerntes, fast schreiend: „Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Ketten schlagen! Dann will ich gern zugrunde geh´n!“

Das waren die letzten Worte, dann schrieb ich diesen Text.
Totenschein von Franz R.
Anklage: Mitglied einer terroristischen Clique (Edelweißpiraten),
Mord auf Ortsgruppenleiter,
Angriff auf das Gestapohauptquartier in Köln
Urteil: schuldig
Strafe: Tod durch den Strang
Todeszeitpunkt
Datum: 10. November 1944
Uhrzeit: 11:11 Uhr
Gezeichnet Gestapo (Geheime Staatspolizei)
Sie lebten den Widerstand. Starben für ihn. Wurden vergessen und änderten nichts.
Sie leben noch heute